Von Norddeutschland in die Niederlande

Hollandgang nannte man den alljährlichen Zug tausender Wanderarbeiter aus Norddeutschland zur Saisonarbeit in die Niederlande, insbesondere in die Provinzen Holland und Friesland. Die Hollandgänger waren hauptsächlich Heuerleute, also besitzlose Landarbeiter, die auf einen Zuverdienst angewiesen waren. Aber auch Kleinbauern, Handwerker, Knechte, Mägde und Bauernsöhne waren darunter. Sie fanden in den Niederlanden Arbeit als Grasmäher in der Landwirtschaft, als Torfgräber und Gärtner, als Seeleute beim Heringsfang und Walfang sowie auf den Handelsschiffen der Vereinigten Ostindischen Kompagnie (VOC). Auch im handwerklichen Bereich gab es Beschäftigung für Ziegler, Stuckateure, Maurer und Zimmerleute. Andere Deutsche zogen als Soldaten in die Niederlande und Frauen fanden dort Arbeit als Dienstmädchen oder Arbeiterinnen in den Leinenbleichereien.

 
Sammlung Atlas van Stolk: Darstellung eines 'Hannekemaaier', 18. Jh.

Entwicklung des Hollandganges

Der Hollandgang lässt sich erstmals in der Zeit um 1620 und dann durchgängig bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts nachweisen. Die Niederlande entwickelten sich ab etwa 1580 zur führenden See- und Handelsmacht in Europa und benötigten viele Arbeitskräfte, insbesondere als Saisonarbeiter. Mit den Heuerleuten entstand um diese Zeit in Nordwestdeutschland das neue ländliche Proletariat. Diese besitzlosen Landarbeiter hatten von einem Bauern eine Heuerstelle mit einem Heuerhaus und etwas Land gepachtet (niederdeutsch: geheuert).
Da sie von der eigenen kleinen Landwirtschaft allein nicht leben konnten und damals kaum Arbeit fanden, zogen sie in der Zeit zwischen Aussaat und Ernte als Wanderarbeiter in die Niederlande. Dort konnten sie innerhalb weniger Monate genug Geld verdienen, um die Pacht zu bezahlen und über den Winter zu kommen. Die Hollandgänger kamen aus den heutigen Landkreisen Emsland, Osnabrück, Cloppenburg und Vechta. Jeder dritte bis vierte erwachsene Mann in diesem Kerngebiet war ein Hollandgänger. Durch die neuen Arbeitsmöglichkeiten in Industrie und Gewerbe ging die Zahl der Hollandgänger nach 1870 rasch zurück.

 
I. Wiersma: Hollandgänger beim Grasmähen, 1929

Hollandgänger als Grasmäher, Torfstecher ...

Die Hollandgänger verrichteten in den Niederlanden unterschiedlichste Tätigkeiten in vielen verschiedenen Berufen. Die meisten kamen aus der Landwirtschaft und arbeiteten in den Niederlanden als Grasmäher oder als Torfstecher. Die Grasmäher, in Holland spöttisch auch „Hannekemaaier" (= Johann der Mäher) genannt, zogen hauptsächlich in die Weidegebiete von Nord-Holland und Friesland. Ihre Saison dauerte, je nach Witterung, fünf bis sieben Wochen. Saisonbeginn war die Woche nach Pfingsten.
Die Arbeit war außerordentlich anstrengend und dauerte von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, im Juni also bis zu 16 Stunden. Akkordarbeit war die Regel. Die noch anstrengendere Arbeit der Torfgewinnung fand meist in abgelegenen Gebieten statt, wo man sich nur schlecht verpflegen konnte, unzureichende Unterkünfte zur Verfügung standen und mangelhaft hygienische Bedingungen herrschten. Die Löhne wurden erst zur Mitte der Saison ausgehandelt und erst zu deren Ende ausbezahlt. Dadurch erhielten die Torfunternehmer einen erheblichen Vorteil gegenüber den unorganisierten Arbeitern.

 
Darstellung eines Hollandgängers auf einem niederländischen Fayenceteller, 18. Jh.(EL)

Verpflegung der Hollandgänger

Aus Ersparnisgründen nahmen die Hollandgänger möglichst viele und möglichst lange haltbare Nahrungsmittel aus der Heimat mit, besonders Buchweizen, Eier und kalorienreichen Räucherspeck. Während der Saison fehlte oft die Zeit für eine ordentliche Zubereitung der Speisen. Folge war eine ungesunde, einseitige Ernährung bei stärkster körperlicher Belastung.

 
Zöllner und Schmuggler an der Grenze bei Gronau. Gestellte Aufnahme, um 1900

Routen der Hollandgänger

Wegen der ausgedehnten Moorgebiete entlang der deutsch-niederländischen Grenze waren die Hollandgänger gezwungen, feste Routen zu benutzen. Eine nördliche Route verlief durch einen engen Korridor zwischen dem Dollart und dem Bourtanger Moor nach Groningen und Westfriesland. Die Hollandgänger aus dem Niederstift Münster, Südoldenburg, dem Raum Diepholz, dem Stift Osnabrück und der Grafschaft Lingen trafen sich an der Emsfähre bei Lingen. Von dort aus zogen sie durch die Grafschaft Bentheim entlang der Vechte bis Hasselt oder Kampen und dann mit dem Schiff hinüber nach Amsterdam oder in die Provinz Noord-Holland.

 
Hollandgänger überqueren die Emsbrücke bei Lingen. Bronzerelief von Maria Berlage (EL)

Spurensuche

Am Dorfbrunnen in Lingen-Schepsdorf, unweit des alten Emsübergangs, erinnert eine Bronzetafel an die alljährlichen Durchzüge der Hollandgänger. Das Heimathaus Schepsdorf zeigt in einer kleinen Ausstellung die Geschichte der Hollandgängerei vom 16. bis zum 19. Jahrhundert. Besichtigung ist nach Vereinbarung möglich.

Dr. Andreas Eiynck