Poppe Folkerts wurde am 9. April 1875 – das war am frühen Abend eines schreckensvollen Sturmtages, schreibt der Freund und Architekt Theodor Allwardt anlässlich des 50. Geburtstages über ihn – auf Norderney als zweitältester Sohn von sechs Kindern der Eheleute Folkert Janssen Folkerts und seiner Frau Johanna Reemtdina geb. Meyer geboren. Ein schwerer Schicksalsschlag trifft die Familie am 20. Dezember 1888. Der jüngste Bruder Folkert stürzt mit drei Jahren in den Brunnen des elterlichen Gartens und kommt dabei zu Tode. Die Familie Folkerts zieht von Norderney nach Burhafe im Harlingerland. Im November 1889 stirbt die Mutter, im Juli 1890 der Vater. So werden die Kinder innerhalb kurzer Zeit Vollwaisen. Die Kinder werden anschließend von verschiedenen Verwandten auf Norderney aufgenommen. Im Oktober 1890 beginnt Poppe Folkerts eine dreijährige Lehrzeit im Maler- und Glaserhandwerk beim Malermeister Krieger auf Norderney. Er entdeckt die Malerei und betreibt erste Studien. Am Ende der Lehrzeit begibt er sich ab Ostern 1894 – wie damals üblich – auf Wanderschaft rheinaufwärts über Köln bis Frankfurt. Die dortigen Museen ziehen ihn an, und spätestens hier ist in ihm die Liebe zur Kunst erwacht.

 
Poppe Folkerts in Paris, 1909 (3)

"...Ich halte ihn für sehr begabt..."

Im Frühjahr 1895 reist der 20-Jährige nach Hamburg und Berlin, wo er die Werke der Marinemaler Anton Melbye, Frederic Gude, Hans von Bartels und Carl Saltzmann in den dortigen Museen kennenlernt. Im Herbst kehrt er zurück nach Norderney und darf hier die Flurwände im Pensionshaus der Verwandten mit eigenen Entwürfen bemalen. Der Kaufmann Fischer aus Dresden – ein Kunstkenner und -sammler und mit Professor Carl Saltzmann in Berlin persönlich bekannt – sieht Anfang 1896 diese Entwürfe, erkennt das Talent des 21-jährigen jungen Malers, gibt ein Seebild in Auftrag und ermutigt Folkerts, Kunstmaler zu werden. Im Spätsommer 1896 fährt der angehende Student über Bremerhaven nach Berlin, um sich mit seinen Zeichnungen bei Saltzmann (Berliner Akademie der Künste) vorzustellen. Zunächst wird er jedoch im Privatatelier von Professor Hermann Eschke arbeiten und üben, der ihn bereits im November 1896 seinem alten Freund und Schüler Saltzmann mit den Worten "…Ich halte ihn für sehr begabt… er ist sehr fleißig und zu allem geschickt. Ich denke, falls er Dein Schüler wirdt, Du würdest Deine Freude an ihm erleben und Ehre mit ihm einlegen." 1897 Studienbeginn in der Meisterklasse bei Professor Carl Saltzmann an der Berliner Kunstakademie, später als Schüler von Professor Friedrich Kallmorgen.

 
Poppe Folkerts: Studie (4)

Das Seefahren hat für diese Menschen einen großen Reiz… schreibt Heinrich Heine 1825 über die Norderneyer. Das gilt wohl auch für den Studenten Poppe Folkerts, denn in den Jahren 1900 – 1902 nimmt er die Gelegenheit wahr, mit den Schulschiffen der kaiserlichen Marine monatelang die Meere zu bereisen und Studien zu betreiben. Diese drei großen Seereisen, die der Kaiser persönlich genehmigt hat, mit der SMS Nixe und später der SMS Charlotte führen nach St. Petersburg, Trondheim und Stockholm, nach England und ins Mittelmeer. Er lernt Madeira, Marokko (Casablanca und Tanger), Gibraltar, Italien (Palermo, Neapel, Capri, Venedig und Triest), Ägypten (Alexandria), Griechenland (Athen, Korfu), Konstantinopel und Jerusalem, Malta und Spanien kennen. Nachhaltige Eindrücke begleiten den künftigen Weg des angehenden Künstlers. Für die Teilnahme an diesen Hochseereisen war Folkerts vom Unterricht freigestellt. Eine persönliche Begegnung mit Kaiser Wilhelm II. am 7. Juli 1901 im Hafen von Swinemünde beim Zollschuppen hat den dort malenden jungen Poppe Folkerts stark beeindruckt, weil der Kaiser seinen umgewehten Malschirm aufhob und ihn wegen der Zeichnung lobte. Es folgte ein ausführlicher Meinungsaustausch über die Malerei und auch über Norderney. Der Kaiser hatte Folkerts der Sprache nach in Holstein eingeordnet, doch der widersprach uns sagte: NORDERNEYER Majestät!

 
Poppe Folkerts: Charlotte in Swinemünde, 1901 (5)

Im Oktober 1903 folgt Folkerts dem Ruf von Professor Ludwig Dettmann, dem Direktor der Königsberger Kunstakademie. Die Königsberger Zeit war für Folkerts besonders fruchtbar, sowohl künstlerisch als auch menschlich. Gemeinsam mit Dettmann fährt Folkerts im Juni 1905 nach Danzig. Beide malen dort aufgrund eines Staatsauftrages in der Aula der Technischen Hochschule ein Wandgemälde in der Größe von 11 m x 5,5 m zum Thema „Kaiser Wilhelm II. besichtigt den Bau des Nord-Ostseekanals“. Als er Ende Juli 1905 Danzig und auch die Königsberger Akademie verlässt, scheidet er mit den Worten: …es waren die schönsten Jahre! In dieser Phase der künstlerischen Entwicklung darf man festhalten, da war das Eis gebrochen und der Malergeselle Vergangenheit; der Künstler Poppe Folkerts geboren, was jedoch gewisse Selbstzweifel nicht ausschließt.  

Poppe Folkerts: Paris - Blick über die Seine, 1909 (6)

Kiel, Düsseldorf, Norderney, Paris ...

Die Jahre 1906 und 1907 verbringt Folkerts in Kiel, um sich der Marinemalerei zu widmen. Er nimmt sich ein Atelier in Kiel-Möltenort und wird Mitglied des Kieler Kunstvereins und der schleswig-holsteinischen Kunstgenossenschaft. Dem Rat Dettmanns folgend nimmt er im Wintersemester 1907 das Studium der Figuren- und Porträtmalerei beim Direktor der Kunstakademie Düsseldorf, Professor Eduardt von Gebhardt, auf. Im April 1909 macht sich Poppe Folkerts zu Fuß von Norderney aus auf den Weg nach Paris. Eine der angesehensten privaten Kunstakademien jener Zeit, die Académie Julian war das Ziel, die wegen ihres renommierten Lehrpersonals internationale Anerkennung genießt. Sie sollte die letzte Station auf dem Weg zum gereiften Maler werden. Sein Quartier lag in der Rue de Rivolie 40, unweit vom Louvre. Er war angetan von der internationalen Künstlergemeinschaft und studierte die dortigen Gemäldesammlungen. Tief beeindruckt von Jean-Francois Millet kopiert er bereits zu Anfang die Ährenleserinnen des Meisters. In Paris begegnet Folkerts den Arbeiten der großen Impressionisten wie Edouard Manet, Jean-Baptiste Corot (einer der Hauptvertreter der Schule von Barbizon) und Claude Monet. In ihren Werken sieht er seinen Weg bestätigt. Folkerts malt eifrig vor der Natur im eigenartigen Licht des Pariser Himmels.

 
Poppe Folkerts: Der Malerturm (7)

Nach einem Jahr geht es zurück nach Ostfriesland, zunächst nach Westeraccummersiel – wo er seine spätere Frau, Frida Wilken, kennenlernt – dann wieder nach Norderney, wo er seinen Anker auswerfen wird. Seine Studien waren abgeschlossen und ein Grundstück am Südweststrand von Norderney für Atelier und Wohnhaus hatte er im Blick. Im Jahre 1911 konnte das Grundstück am Südwesthörn erworben werden, auf dem 1913 das Turm-Atelier mit Wohnhaus – von den Norderneyern liebevoll „Malerturm“ genannt - entsteht. Das wird fortan sein Zuhause; hier im obersten Geschoss mit Erker nach Westen und großem Nordfenster entstehen viele seiner Bilder oder erhielten hier den letzen Pinselstrich. Sein Atelier ist einzig. Von Skagen bis Dünkirchen gibt es wohl kein zweites dieser Art… schreibt der Freund Berend de Vries. Und Poppe Folkerts sieht seinen Malerturm so: Es ist der einzige Ort, von dem aus ich meine ganze Welt sehen kann: das Festland, die nächste Insel und das offene Meer.

 
Poppe Folkerts: Das Kap von Norderney (8)

Kriegsmaler im Ersten Weltkrieg

Im Ersten Weltkrieg ist Folkerts als Kriegsmaler an der westlichen Front tätig; seine Aquarelle erscheinen in verschiedenen illustrierten Zeitschriften. In den folgenden Jahren kann er sich als freischaffender Maler etablieren. Er wird zu einem anerkannten Vertreter seines Fachs, und für manche Kenner des Metiers gehört Poppe Folkerts bald in die Reihe der großen deutschen Impressionisten wie Lovis Corinth, Max Liebermann und Max Slevogt. 1917 heiratet Poppe Folkerts auf Juist die Kapitänstochter Frida Wilken; zwischen 1919 und 1930 werden die vier Kinder (Hanna, Frauke, Almut und Heiko) im Malerturm geboren. Für seine Norderneyer Zeitgenossen war er EINER VON UNS. Er war Künstler, aber auch Seemann, Insulaner und Norderneyer. Und er war ihr Vertrauter, engagierte sich und mischte sich ein. Er gründete mit ihnen 1925 den Seglerverein und ein Jahr später den Heimatverein. Mit Künstlerkollegen wie Maximilian Klein von Diepold, Paul Ernst Wilke, August Heitmüller und Julian Klein von Diepold gründete er 1926 den Künstlerbund Norderney. Er entwarf die schwarz-blau-weiße Flagge und das Stadtwappen Norderneys mit dem Kap auf der Düne. Diese unverwechselbaren Markenzeichen der Insel tragen für immer seine Handschrift. Wenn ein Norderneyer ein Bild von ihm irgendwo entdeckte, dann stellte er nicht ohne Stolz fest: „Dat is een Popp!“

 
Poppe Folkerts: Rees am Niederrhein, 1936 (9)

Mit seinen Segelbooten ist er viel unterwegs, sowohl mit der Familie, dem Seglerverein, als auch mit malenden Weggefährten und Freunden; seine Törns führen ihn nach Holland und Belgien, nach Helgoland und Schleswig-Holstein sowie den Rhein aufwärts bis Andernach, und von überall bringt er Studien und Skizzen mit. Von März bis Juli 1938 reist er mit der Familie nach Italien, wo ihn in der Jugend das besondere Licht und die Farben unter der südlichen Sonne beeindruckt hatten. Das Ziel ist Nervi – ein kleiner Kur- und Künstlervorort von Genua an der Riviera. Er schreibt von dort... Du glaubst nicht, wie schön hier die Wasserfarben sind, wie wuchtig das Meer gegen die Felsen brandet. Ich denke, Montag die ersten Studien zu machen und freue mich von Herzen darauf… Ja, Poppe Folkerts war sehr fleißig hier und bringt über 30 Bilder, Studien und Skizzen von dieser Reise zurück zum Malerturm nach Norderney. Er nimmt an namhaften Kunstausstellungen in Deutschland teil und engagiert sich in den friesischen Kunst- und Kulturvereinen.

 
Poppe Folkerts: Rodenkirchen, 1949 (10)

Im November 1940 wird der Malerturm von der Wehrmacht beschlagnahmt und bis auf das Erdgeschoss abgetragen, weil er im Schussfeld einer Flugabwehrbatterie liegt. Ein schwerer Schlag für den 65-jährigen Poppe Folkerts; er bezieht mit der Familie eine Wohnung mit Atelier in der Viktoriastraße 11. Erst im September 1949 kann man in das verbliebene Erdgeschoss des Malerturms zurückkehren. Poppe Folkerts reist aus gesundheitlichen Gründen zur Familie der Tochter Hanna nach Rodenkirchen bei Köln, wo seine letzten Bilder entstehen. Am 10. November 1949 ist er zurück auf der Insel. Am frühen Silvestermorgen 1949 stirbt Poppe Folkerts im 75. Lebensjahr in seinem Malerturm und tritt am 4. Januar 1950 seine letzte Fahrt in See an. Die Bevölkerung nimmt großen Anteil und in Begleitung der Norderneyer Fischerflotte wird er vom Seenotrettungsboot „Norderney“ feierlich dem Meer übergeben.

 
Poppe Folkerts - vor der Natur (11)

„Een Düvelskeerl, de Popp‘, de Maler“…

Am liebsten malte er seine Bilder draußen, vor der großen Natur, im ersten Wurf fertig: nur den letzten Pinselstrich sozusagen tut er im Atelier. – Sieben Bilder dann in vier Tagen – bei zwei durchwachten, durchsegelten Nächten, bei Meeresleuchten, sprühenden Ruderschlägen und feurigen Schlangen vorn am Bug. Das zeugt von Entschlossenheit und Produktionskraft. „Een Düvelskeerl, de Popp‘, de Maler“… so beschreibt der ostfriesische Dichter Arend Dreesen im Jahre 1925 seinen Freund nach dem Erlebnis eines gemeinsamen Segeltörns entlang der ostfriesischen Küste.

 
Poppe Folkerts: Nervi, 1938 (12)

Poppe Folkerts war natürlich auch ein Maler seiner geliebten Heimat und doch war er kein Heimatmaler, wie Thomas Hengstenberg zu Recht feststellt. Die Abenteuerlust und die Neugier trieben den jungen Künstler an, er war kein Stubenhocker, er wollte die Welt entdecken. Von den vielen Schauplätzen auf seinen Reisen brachte er zahlreiche Skizzen und Studien mit, die oft als Vorlage für Gemälde genutzt wurden. Er war zwar fleißig, aber auch sehr selbstkritisch. Mögen die Seestücke als umfangreichste Werkgruppe von zentraler Bedeutung sein, so wäre es falsch, den Künstler auf den Maler des Meeres zu reduzieren. Nicht weniger bewegend sind die einfühlsamen Charakterbeschreibungen seiner später entstandenen Porträts und die atmosphärische Dichte seiner Landschaften.

 
 Poppe Folkerts: Porträt Norderneyer Fischerfrau, 1929 (13)